Texte zur Kunst von Hama Lohrmann

Hama Lohrmann, „Landkreise – Landstriche“

Orangerie Wolfegg, 5. Juni 2009

Hama Lohrmanns Werke sind vergänglich – sie sind überaus schön; klassische geometrische Gestaltungs-Elemente wie der Kreis oder die Linie, fein ziseliert, zeugend von Sorgfalt und Hingabe an den Schaffensprozeß; Pflanzenteile, Blumen und Blüten in filigraner Anordnung – all dies in seiner Gesamtheit mit der Anmutung einer Ästhetik, die geradezu gesteigert erscheint, wie eine Essenz wirkt; der Künstler hat die Schönheit der Natur destilliert; eine Qualität, die durch das Bewußtsein ihrer Vergänglichkeit nur noch intensiver wird. Niemand, denke ich, kann sich der Ausstrahlung seiner Natur-Gebilde entziehen, atmen sie doch eine vitale, lebendige Kraft – um so mehr, als ihre einzelnen Bestandteile unmittelbar aus der umgebenden Natur stammen – der Hinweis auf den „genius loci“, einzigartiger und unverwechselbarer Geist eines jeden Ortes, sein nur atmosphärisch wahrzunehmendes Eigenleben, mag hier genügen. –

Und dennoch: plump formuliert, gehen Hama Lohrmanns Werke kaputt – und er sieht sich mit Sicherheit des öfteren mit der Frage konfrontiert, warum er wohl mache, was er macht? Zumal er noch eins draufsetzt: er dokumentiert seine Naturbilder, welche den natürlichen Prozessen der Witterung und des Verfalls ausgesetzt sind, photographisch; als ganze oder in Ausschnitten, und scheint so wiederum eine Illusion der Bewahrung zu schaffen, ein trügerisches Versprechen einer Ewigkeit und eines Bestand-Habens.

Hama Lohrmann läßt uns hier ein wenig ratlos zurück: weiß er denn nicht um die Ambivalenz der Photographie, um den Konflikt von „wahr sein“ und „glaubwürdig scheinen“ durch Bilder und auf Bildern, die ihre Unschuld längst verloren haben? Weiß er nicht um die Vergänglichkeit auch des Dokuments, bzw. um dessen Zufälligkeit, wenn nicht gar Willkür? Ich denke, Hama Lohrmann verfolgt keineswegs die Absicht, Spuren zu hinterlassen, um die eigene Vergänglichkeit zu besiegen, oder aus Angst vor derselben. Ich möchte deshalb versuchen, mich seinem Schaffen von einem anderen Punkt aus anzunähern.

Hama Lohrmann arbeitet in und mit der Natur – mit Erde, mit Steinen, mit Pflanzen, mit Wasser – auch im Aggregatzustand des Eises –, manchmal sogar mit Feuer. Man könnte also, von dieser Perspektive aus, das Schaffen des Künstlers in der Natur durchaus mit der klassischen Vier-Elemente-Lehre fassen. Man läge nicht falsch damit – aber man griffe meines Erachtens zu kurz. Man führe sich einmal vor Augen, daß alle vier erwähnten Elemente auch in einem Innenraum zu einem Naturbild kombiniert werden könnten – mit der Einschränkung lediglich, daß das Wasser ein Gefäß oder Behältnis benötigt.

Man stelle sich nun des weiteren vor, daß dasselbe Naturbild sich draußen im Freien befinde – und nimmt wahr, wie das Bild unmittelbar um weitere Ebenen und Dimensionen ergänzt wird: Hama Lohrmann fügt den klassischen Elementen ihre sinnlichen Qualitäten hinzu! Den Klang – das Rauschen und Säuseln des Windes im Blätterdach, das Rieseln der Quelle, das Plätschern kleiner Wellen auf einem Teich. Das Licht – glitzernd auf der Wasseroberfläche, wärmend auf der Haut, auch die Scheide zwischen Hell und Dunkel; ersteres ideengeschichtlich oft mit dem Verstand und der Erkenntnisfähigkeit assoziiert. Die Zeit – Tages- und Jahreszeiten beeinflussen Anmutung und Zustand bzw. Verfallszustand des Naturbildes; und man kann in der Einsamkeit und Stille eines Hochsommertages im Wald ins Träumen kommen: Zeit scheint hier nicht immer gleich schnell abzulaufen, das Unterbewußtsein erzählt Jahre in Sekundenbruchteilen. Der Raum – er umgibt mich, ich fülle ihn aus; und es gibt den geistigen Raum: reale und imaginäre Welten stehen in innerem und interaktivem Zusammenhang. –

Diese ganzheitliche Sicht der Dinge, oder besser: diese Auf-Fassung – und ich spreche bewußt den Trennstrich mit, da das Fassen und Greifen den tätigen Aspekt in Hama Lohrmanns Schaffen betonen; diese Auf-Fassung ist die grundlegende Bestimmung seiner Natur-Bilder. Geleitet von einem tiefen Respekt vor allem Lebendigen, nähert er sich der Natur mit dem, was die Phänomenologie einmal als „wissende Einfühlung“ bezeichnet hat – Intellekt, Verstand, Einsichtsfähigkeit, Erlerntes, Erfahrungswissen und die vielfältigen Wahrnehmungen aller Sinnesorgane sind in einem symbiotischen, sich gegenseitig durchwirkenden und durchdringenden Gestaltungsprinzip vereinigt. Eine Hierarchie, welche Verstand und Vernunft – und hieraus folgend den Menschen als deren einzigen potentiellen Inhaber – über alles andere Lebendige bzw. Natürliche erhebt, ist hierbei abgeschafft. Aus diesem Grund erwächst die wesentliche Bedeutung von Hama Lohrmanns konsequentem Sich-Einlassen auf die Vergänglichkeit: indem er sie akzeptiert, gemahnt er uns an eine ganzheitliche Sichtweise: vergänglich sind Erscheinungsformen, nicht das Leben selbst – und er erteilt eine Absage an ein aufklärerisches und anthropozentrisches Denken, welches permanent seine eigene Überlegenheit zelebriert – und dabei Gefahr läuft, sich durch die Entsorgung des vermeintlich hierarchisch Untergeordneten letztendlich selbst zu entsorgen: wovon will es sich dann noch abgrenzen?

Auch die photographische Dokumentation der Werke ist nun, da der Kreis sich geschlossen hat, richtig einzuordnen: Die Intention der Bilder besteht nicht in der exakten Wiedergabe des Gegenstandes oder des Wahrgenommenen, sondern in der konzentrierten Wiedergabe der Wahrnehmung bzw. des Wahrnehmungsprozesses selbst – durch den Künstler sowohl, als auch, im zweiten Schritt, durch den Betrachter.

Hama Lohrmanns Werke sind in gängige Kategorien zeitgenössischer Kunst schwer einzuordnen; wäre er geisteswissenschaftlich tätig, würde man ihn wohl einen Querdenker nennen – vielleicht kann man ihm seine Anerkennung ausdrücken, indem man ihn als Quer-„Täter“ bezeichnet, weil das denkende und das werk-tätige Sich-Einlassen auf seinen Gegenstand bei ihm gleichberechtigt miteinander einhergehen.

Brigitte Herpich, 2009

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