Texte zur Kunst von Hama Lohrmann

Die Kraft des Schöpferischen kann nicht genannt werden. Sie bleibt letzten Endes geheimnisvoll...Wir sind selbst geladen von dieser Kraft bis in unsere feinsten Teile. Wir können ihr Wesen nicht aussprechen, aber wir können dem Quell entgegen gehen, so weit es eben geht.“ Paul Klee

Hama Lormann nimmt diesen Ausspruch aus Paul Klees nachgelassenen Betrachtungen wörtlich. Er geht im wahrsten Sinne des Wortes zu Fuß, tagelang, im Versuch die laute und so viel Raum beanspruchende Zivilisation hinter sich zu lassen. Er geht zu den Quellen, zu Bachläufen, Uferrändern, Moorwiesen, Waldlichtungen und Berggraten, zu dem , was Zivilisation an sich selbst regulierender Natur noch übrig gelassen hat. Die körperliche Erfahrung des Gehens, die natürliche Beanspruchung aller Sinne, die Öffnung der Aufmerksamkeit für feinste Regungen des von der Natur Geschaffenen, von Luft, Licht, Duft und Geräusch sind seine Wege zur eigenen Kreativität. Lohrmann verwirklicht seine Kunst aus der Haltung des Widerständigen zu unserer Zivilisation. Ihn treibt die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, dem Einfachen, den vielfältigen, vitalen Ausgangsformen, die die Natur uns bereitstellt. Seine nahezu ausschließliche Aufmerksamkeit gilt einer Idee von elementarer Existenz, für die es adäquate Ausdrucksformen zu finden gilt. Dies zeigt sich in allen Aspekten seiner künstlerischen Tätigkeit.

Elemente und Elementares
Er arbeitet ausschließlich in der freien Natur. Die ursächlichsten Elemente, Wasser, Erde/ Stein und Feuer und die pflanzlich organische Welt sind seine Materialien. Er billigt ihren momentanen Zustand, ihre Vergänglichkeit und ihre Vorgaben an Farbe, Form und Größe. Das gegebene Material wird direkt mit den Händen oder mit Hilfe einer kleinen Astsäge oder des Taschenmessers an Ort und Fundstelle bearbeitet. Stein und Holz werden ausgesucht, bleiben aber unbehauen. Blätter, Astwerk, Pflanzenstängel sind in ihren Oberflächen ungeglättet, unbearbeitet. Finger ziehen Furchen in die Erde oder tupfen und streichen mit Lehm oder farbigem Sand. Das suchende Auge, das prüfende Greifen der Hände, die unmittelbare Erfahrung des Materials, die Nutzung des Zuhandenen und die Erfindung von Zeichen sind elementarer Ausgangspunkt in jeder menschlichen Existenz und zugleich die ältesten und elementarsten Antriebskräfte für Kunst.

Zeichensetzung
Aus dem in der Natur vorgefundenen Material entwickelt Lohrmann das, was man Anordnungen nennen konnte. In diesem Begriff verbirgt sich eine grundsätzliche geistige Leistung des Menschen, die der Ordnung und deren sichtbarer Konkretisierung in Zeichen. Jeder von uns ist gehalten, in die überwältigende Vielfalt und Zufälligkeit seiner räumlichen und dinglichen Umgebung und seines Lebensverlaufes die elementare Gesetzmäßigkeit des immer Wiederkehrenden hinein zu tragen, also Ordnung und Struktur zu schaffen. So erfindet, baut und setzt Lohrmann Zeichen, die im Material auf die Gesamtheit von Natur verweisen, aber dem chaotischen natürlichen Zufall und Zerfall zunächst enthoben sind und Ordnung anbieten. In der sorgfältigen Reihung gleicher Elemente, im Schaffen von Regelhaftigkeit und Rhythmus bei Farbe und Form setzt er sein Zeichen in die chaotische Streuung eines steinigen Flussufers oder eines laubbedeckten Waldbodens. So schafft er eine symbolische Balance zwischen Chaos und ordnender Schöpfung.

Besonders die Kreisform, mit Steinen, Blättern und Zweigen gelegt oder in den Sand gestrichen, ist ein universelles Zeichen, das in allen Kulturen der Welt mit Bedeutung aufgeladen ist. Auch wenn wir Angehörige einer säkularen Zivilisation mit keiner gemeinsamen Mythologie mehr verbunden sind und weder Sonne noch göttliche Schöpferkraft darin erkennen wollen, so wirkt die Kreisform doch nach wie vor auf uns im Sinne von Schönheit, Attraktion für die Aufmerksamkeit und Ausdrucksform für Vorstellungen. Diese können ganz individuell Ganzheit, Totalität, Unendlichkeit, Vollendung oder Idealität oder einfach nur Anordnung meinen. Die perfekte Symmetrie des Kreises ist der größtmögliche Abstand zu chaotischer Strukturierung. Die heutige Naturwissenschaft weiß, dass jedes lebende System der Symmetriebildung näher kommt als der chaotischen Streuung. Erst im Tod fällt ein System wieder ganz in das Chaos zurück. Insofern ist die kreisförmige Zeichensetzung ein Lebens-Mal. Auch die Kreisteilungen und die Kreisfüllungen, die Lohrmann vornimmt, verweisen auf Zeichen alter Kulturen.

Neben dem auf die Erde gelegten Zeichen gehören die aufgerichteten Zeichensetzungen in Gestalt von Pyramide und Kegel zu den häufig gewählten gestalterischen Lösungen. Das Aufrichten gegen die Schwerkraft, das Stehen und Gehen, sind Teil des frühen organischen Reifeprozesses .Dies betrifft Pflanzen und Tiere in gleicher Weise wie Menschen. An das sich Aufrichten im menschlichen Reifeprozess ist die erste Wahrnehmung und Verarbeitung des allseitig umgebenden Raumes und die elementarste Bewältigung von räumlicher Orientierung gebunden. Wie tief das sich Aufrichten mit unserem Menschsein verbunden ist, zeigt unsere Sprache. Einen aufrechten/ aufrichtigen Mensch zu treffen, jemanden in seinem Leid oder Zweifel wieder aufzurichten, gehört zu den bedeutungsvollen Ereignissen unseres sozialen Lebens. Im Kontext der Kulturgeschichte ist das Setzen vertikal ausgerichteter Zeichen, seien es Bäume, Felsbrocken, Stäbe, Figuren oder gebaute Türme und Pyramiden, eine frühe Verbindung von praktizierter Religion und künstlerischer Tätigkeit. Die Ethnologie, die die Lebensbewältigungen indigener Völker studiert, hat für diese Zeichensetzungen den Begriff der „ sacred geometry“ gefunden.

Der verborgene Ort
Als Gegenposition zu den lauten Städten und deren oft grell beleuchteter Öffentlichkeit und in kritischer Haltung zur Vernichtung zusammenhängender Naturräume durch unser Mobilitäts- d. h. Straßenverlangen, sucht Hama Lohrmann die verborgenen und stillen Plätze auf. Seien es großräumige Meeres- und Flussufer, seien es hoch gelegene Feldplateaus, seien es kleine seegrasbestandene Lichtungen im Wald oder die Eisflächen eines Weihers, immer sind diese Plätze dem schnellen Zugriff verborgen. Nur die Fotografie gibt ihnen eine Öffentlichkeit. So bleibt ihnen eine eigene Reinheit in Opposition zu unseren Lebensräumen, die häufig genug nicht mehr ein Ort, mehr ein Un- Ort sind. Auch bei der Wahl der Plätze drängt sich die Assoziation zur Verehrung geheimnisvoller Mächte an einem Kultplatz auf.

Dauer und Vergänglichkeit
Hama Lohrmann nützt das dauerhafte Material des Steins ebenso wie die kurzlebige Blüte und das schnell welkende Blatt. Zu seinen Zeichensetzungen gehört die Akzeptanz der Veränderung und der völligen Auflösung, also das Zurückkehren ins Chaos. Die Einflüsse von Wind, Regen und Licht, der Laubfall, das Verwelken und Zersetzen der Blüten und das Zerschmelzen des Eises sind die immerwährenden Wandlungsvorgänge in der Natur, die ihn nicht schrecken. Entgegen dem geläufigen Verständnis von Kunstobjekt , das den Schöpfer möglichst überdauern soll und in Galerien, Sammlungen und Museen als kostbarer Besitz gehortet und gehütet wird, ist der Prozess des langsamen oder schnellen Verschwindens Teil des Zeichens. Nur die Fotografie bleibt noch eine Weile.

Die Fotografie – das dritte Auge
Bei aller Achtung der elementaren Natur nützt Lohrmann, in der Widersprüchlichkeit, die das moderne Leben setzt, die technischen Errungenschaften unserer Zivilisation .Zu ihnen gehört die Fotografie. Ihre Technik, vor allem in Aufnahmen der Makro- und Mikrobereiche der Natur, erlaubt es uns erst, sie ganz neu zu sehen und zu verstehen. Insofern ist die Kamera ein drittes, ein forschendes Auge, das völlig neues Wissen erschließt. Lohrmann nützt mit der Fotografie vor allem das dokumentarische Erfassen seiner Zeichensetzungen in ihrem räumlichen Umfeld. Dabei kommt es zu durchaus beabsichtigten Kontrasterfahrungen, Anordnung gegen wirre Streuung, Liegendes gegen Ragendes, zufällig Gewachsenes gegen absichtsvoll Gelegtes, der weite Horizont gegen das nahe Zeichen. Das sehende Auge und das technische Auge der Kamera, beide arbeiten zusammen, um die verborgenen Zeichen einerseits in ihrer Verborgenheit zu belassen, andererseits ihnen eine Öffentlichkeit zu geben.

Land Art - Earthwork
In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden mit den unterschiedlichsten Richtungen und Gruppierungen der Avantgarde radikal neue Konzepte für künstlerisches Arbeiten, häufig motiviert von kunst- und gesellschaftskritischem Ideengut. Kunst bekam hier unter anderem den Rang einer grundsätzlichen oppositionellen Haltung zu den Werten westlichen Lebens und die Funktion eines kritischen Spiegels . Es entstanden erste gigantische Erdbauwerke in den abgelegenen Wüstengebieten Nordamerikas, z. B. Michael Heizers „ Double Negative“ von 1969 . Er ließ mit Bulldozern und Sprengungen exakt lineare Einschnitte in eine Erosionskante der Wüste bei Las Vegas vornehmen. Die amerikanischen Erdwerke waren schwer zu erreichen und oft nur aus der Luft zu sehen. Besitzen konnte sie niemand. So richtete sich gerade diese Avantgarde gegen die oft grotesken Spekulationen des Kunstmarktes, gegen Besitznahme und Kunst als Konsumgut, auch gegen den Ewigkeitsanspruch und die Wertberechungen von Erben und Konservatoren. Der heute gängige Begriff „ land art“, durchaus in Unterscheidung zu dem viel großräumiger angelegten „ earth work“, wurde 1969 von dem deutschen Filmemacher Gerry Schum geprägt. Entscheidend für beide Richtungen ist die grundsätzliche Ablehnung des zivilisatorischen Ortes Stadtplatz, Galerie, Privatsammlung oder Museum und die Verortung in der freien Natur, unter Akzeptanz der Veränderlichkeit und Vergänglichkeit. Ob riesige Erdformationen aufgeschüttet oder symbolträchtige, oft sehr dekorative Zeichen in Kleinräume gesetzt werden, immer entsteht eine konkrete, mit allen Sinnen zu erfassende stille Gegenwelt zu unserer rasanten Bevorzugung der virtuellen Realität.

Dr. Gertrud Roth-Bojadzhiev

veröffentlicht in: hama lohrmann, landart, 2008

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